Der Begriff „Verschwörungstheorie“ – Diffamierung, Ablenkung, Verschleierung der Hintergründe

Verschwörungen gibt es in der Geschichte sehr viele, hier sei nur die Ermordung von Julius Cesar angeführt. Der Begriff „Verschwörungstheorie“ als Begriff der Qualifizierung geht auf den österreichischen Philosophen Karl Popper zurück. Er verwendet ihn als Kampfbegriff gegen den Marxismus. In seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945) setzt er, wie üblich in seinen Arbeiten, Kommunismus und Faschismus gleich. Die marxistische Analyse, dass der Staat jeweils ein Instrument der herrschenden Klasse ist, bezeichnet er als „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“.

Nach Marx besteht die gegenwärtige Gesellschaft aus den Hauptklassen Kapital und Arbeiterklasse, und die Kapitaleigner bilden die herrschende Klasse. Es geht Popper darum, zu verschleiern, dass hinter dem jeweiligen Geschehen Klasseninteressen stehen, auch wenn das im Einzelnen heute schwerer durchschaubar ist. Wer den Klassencharakter aufzeigt, der vertrete die Theorie einer „listige(n) Verschwörung von Großkapitalisten“. Nachdem Popper die marxistische Theorie so verballhornt und vereinfacht hat, kann er sie angreifen: Nein, Kriege seien nicht etwa verursacht von „imperialistischen Kriegshetzern“, sondern unerwünschte Nebenfolgen von Handlungen, die auf ganz andere Ziele gerichtet gewesen seien. Wer das anders sieht, betreibe „vulgärmarxistische Verschwörungstheorie“ [1]. Also: Freispruch erster Klasse für das Großkapital. Das ist der Zweck der sogenannten Philosophie Poppers.

Solche Verballhornung blieb lange Zeit vor allem Diskussionsgegenstand in akademischen bürgerlichen Kreisen. Als Massenbegriff der politischen Diskussion wurde „Verschwörungstheorie“ im April 1967 von der CIA in der Anweisung 1035-960 eingeführt. Die CIA äußerte sich „besorgt“, dass 46% der in einer Umfrage befragten US-Bürger angaben, dass sie nicht glaubten, dass bei der Ermordung des US-Präsidenten Kennedy der Attentäter Lee Harvey Oswald allein gehandelt hatte, und eine noch größere Zahl glaubte, dass die Untersuchungkommission viele Fragen ungelöst gelassen hatte. Und die CIA erklärt: „Das Ziel dieser Ausführung ist es, Material bereit zu stellen, das dem entgegenwirkt, und die Behauptungen der Verschwörungstheoretiker zu diskreditieren, wie auch die Verbreitung solcher Behauptungen in anderen Ländern zu verhindern“ [2]. Es folgen detaillierte Anweisungen, z.B. Journalisten Gegenfragen zu stellen, um die Frage nicht zu beantworten zu müssen, den Fragesteller in ein schlechtes zu Licht stellen, sowie: „Weisen Sie darauf hin, dass Teile der Verschwörungsgespräche scheinbar absichtlich von kommunistischen Propagandisten erzeugt werden“.

2001 strahlte der US-amerikanische Fernsehsender FOX (reaktionären Kreisen nahe, heute Trump-nahe) den einstündigen Fernsehbericht Conspiracy Theory: Did We Land on the Moon? aus. In Deutschland wurde dieser unter dem Titel „Verschwörungstheorie: Sind wir auf dem Mond gelandet?“ in synchronisierter und unkommentierter Fassung von Spiegel TV ausgestrahlt. Nach dieser Sendung ist die Mondlandung eine gefakte, in Filmstudios erstellte Inszenierung. Es begann eine große Debatte um „Verschwörungstheorien“. Als am 11.9.2001 der Terroranschlag auf die Zwillingstürme erfolgte und anschließend Bushs „Krieg gegen den Terror“ begann, wurden in großem Umfang verschiedenste Zweifel an der offiziellen Erklärung als „Verschwörungstheorien“ behandelt.

Es gibt zahlreiche Indizien, dass dieses Massaker von der US-Regierung zugelassen wurde oder dass diese gar daran mitgewirkt hat. An zahlreichen Anschlägen, wie z.B. dem Massaker von Bologna am 2. August 1980, waren die US Geheimdienste nachweislich organisatorisch direkt beteiligt und mit verantwortlich [3]. Im Buch „Morgenröte der internationalen Revolution“ wird dazu ausgeführt:

„Mit dem Verweis auf Belange der staatlichen Sicherheit wird Publizität über die Machenschaften der Geheimdienste nachdrücklich verweigert. Spuren werden verwischt, Beweise je nach Bedarf nicht zur Kenntnis genommen, beseitigt oder gefälscht, Zeugen ignoriert oder erpresst, notfalls auch liquidiert und Kritiker als ‚Verschwörungstheoretiker‘ verunglimpft.“ ([4] S. 237)

Von der Bundeszentrale für politische Bildung wurde seit 1.3.2018 im Internet das Projekt „Wahre Welle TV“ gestartet, das sich an die Zielgruppe Jugendliche wendet und bislang vor allem abstruse Behauptungen aus neofaschistischen und faschistoiden Kreisen durch den Kakao zieht. Doch kann sich das Blatt wenden und die Zielgruppe links ins Auge gefasst werden.

Im Internet-Lexikon Wikipedia wird heute auch als Verschwörungstheorie bezeichnet, dass die Machtergreifung der Hitlerfaschisten durch die deutsche Großindustrie finanziert wurde. „Die historische Forschung nimmt heute dagegen an, dass der Anteil der Großindustrie an der Finanzierung der NSDAP gering war“.  Vergleiche hierzu Popper, siehe Anfang.

Fassen wir zusammen: In einer Situation mit heute vielfältigem Zugang zu Informationen werden einerseits Theorien angeblicher Verschwörung von Geheimdiensten usw. selbst erfunden und zur Täuschung der Bevölkerung lanciert. Gleichzeitig wird eine Debatte um „Verschwörungstheorien“ entfacht, welche Aufklärer diskreditieren soll, von Machenschaften ablenken soll, fortschrittliche Menschen verwirren und vor allem das Durchschauen des Klassencharakters der Gesellschaftsordnung verhindern soll. Der Begriff „Verschwörungstheoretiker“ ist ein Propagandawort und dient der Diffamierung. Es gibt bereits Forschungsprojekte seitens etablierter Psychologen, wie solche angeblich gestörten Menschen zu behandeln wären.

Dabei sind Verschwörungen nicht nur historisch, sondern auch aktuell belegt. Der Historiker Danielle Ganser untersucht an vielen Beispielen die „verdeckte Kriegsführung“, welche ohne tatsächliche Verschwörung nicht auskommt [3].

In der kritischen Wissenschaft werden des Öfteren Dinge aufgedeckt, die unbequem sind. Man denke an die Häufung von Leukämie in der Umgebung von Atomkraftwerken. Oft geht die Aufdeckung auf „Whistleblower“ zurück, die ein hohes persönliches Risiko eingehen. Es ist möglich, dass endgültige Beweise noch fehlen, aber es genügend Indizien gibt, um tätig zu werden. In dem Zusammenhang gebraucht der Mainstream dann manchmal auch den Begriff „Verschwörungstheoretiker“. Solches Vorgehen kritisieren wir. Die Offene Akademie steht für eine sachliche wissenschaftliche Auseinandersetzung in Zusammenschluss mit der Bevölkerung und sozialen Bewegungen. Siehe dazu die Vorstellung auf unserer Homepage. (JL)

Quellen

[1] Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen. 7. Auflage, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1992, S. 119

[2] http://www.konjunktion.info/2014/10/das-argument-verschwoerungstheorie-und-sein-cia-ursprung/

[3] Danielle Ganser: NATO’s Secret Armies: Operation GLADIO and Terrorism in Western Europe

[4] Stefan Engel, Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution, Verlag Neuer Weg 2011


Kategorie: Aktuelles

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