Protestschreiben von Prof. Jooß, Göttingen

An den Präsidenten der TU Hamburg TUHH

Prof. Dr. Hendrik  Brinksma

 

Betr. Zensur der Werbung für mein Seminar „Selbstorganisation der Materie – Zur Rolle der dialektisch-materialistischen Methode und Weltanschauung in der Herausbildung einer Entwicklungstheorie der Materie“

Sehr geehrter Herr Brinksma,

hiermit möchte ich gegen die Zensur für die Werbung zu meinem Seminar zur Selbstorganisation der Materie und der dialektischen Methode in der Physik protestieren.

Ihr Argument, dass die politische Neutralität in der Universität gewahrt werden müsse kann ich nicht nachvollziehen. Positionieren sich doch innerhalb einer Universität die verschiedenen Beteiligten durch ihre Forschung, Drittmittelverbünde, Lehre, Veröffentlichungen, Veranstaltungen und Seminare immer auf die eine oder andere Weise wissenschaftlich mit direkten oder indirekten politischen Implikationen, oder auch unmittelbar politisch. Ihre Entscheidung bedeutet, dass Sie sich anmaßen darüber zu entscheiden, welche Wissenschaft und Politik gelehrt werden darf. Das verstößt gegen entscheidende Grundrechte des Grundgesetzes, welches nicht nur die Freiheit von Wissenschaft und Forschung, sondern auch der politischen Meinungsäußerung und der Koalitionsfreiheit garantiert. Dies gilt uneingeschränkt an Einrichtungen öffentlichen Rechts und damit an allen öffentlichen Hochschulen.

Ihre Entscheidung ordnet sich in eine allgemeine Entwicklung ein, dass nach der Abschaffung des politischen Mandats der Studierendenschaften in den 1980iger Jahren sukzessive über Hausordnungen und Entscheidungen der Hochschulleitungen Grundrechte an Hochschulen eingeschränkt wurden, u.a. auch das Recht auf freie politische Betätigung an Hochschulen. Das kann nicht länger hingenommen werden und widerspricht dem Auftrag von Hochschulen selbstständig denkende und kritische Bürger zu erziehen.

Der von Ihrer Mitarbeiterin telefonisch an Herrn Fritsche mitgeteilte Zusammenhang zu einer „Terrorismusgefahr“ ist eine unerhörte Diffamierung. Die Aussage entspricht der Methode des Antikommunismus, der den positiven Bezug zur Dialektik als vielseitig angewandte Methode, u.a. auch im Bereich des wissenschaftlichen Sozialismus, in die Nähe von Terrorismus stellt. In meiner Forschung geht es u.a. um Materialien für erneuerbare Energien, sowie um emergente Systeme, was sich im Inhalt meines Buches „Selbstorganisation der Materie“ niederschlägt. Natürlich engagiere ich mich auch gesellschaftspolitisch für umweltschonende Technologien und halte die Diskussion um eine Gesellschaftsveränderung die eine nachhaltige Wirtschaftsweise ermöglicht für notwendig, gerade auch an Hochschulen. Natürlich arbeite ich in diesem Zusammenhang mit unterschiedlichsten politischen Organisationen, Einzelpersonen und Vereinen zusammen bzw. stehe in einem Diskurs mit Ihnen.

Ich fordere Sie auf, das Werbeverbot zu widerrufen und sich für die diffamierenden Behauptungen ihrer Mitarbeiterin zu entschuldigen. Ich erwarte von Ihnen als Präsident einer Hochschule, dass Sie sich für die Freiheit von Wissenschaft und Lehre, einschließlich der dazu auch immer gehörenden gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung einsetzen. 

Mit freundlichen Grüßen

Christian Jooß


Kategorie: Aktuelles, Proteste TU Hamburg

Weitere Artikel