Programm der Offenen Akademie in Stuttgart 2016

aktualisiert 3.9.2016
Freitag, 25.11.16
19.30 Uhr
Lesung mit Rolf Becker, Hamburg

Marx und Engels: Zur Einheit von Mensch und Natur
„Der Arbeiter kann nichts schaffen ohne die Natur, ohne die sinnliche Außenwelt. (…) Der Mensch lebt von der natur, heißt: die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben will, um nicht zu sterben.“ (K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844). Nach den Vortragsabenden mit dem „Kommunistischen Manifest“ widmet sich der Schauspieler Rolf Becker nun der Umweltfrage. Von den Gegnern bekämpft und selbst in der sozialistischen Bewegung bis in die heutige Zeit missachtet, kommen hier Marx und Engels als richtungsweisende Wegbereiter des nachhaltigen Umweltschutzes zu Wort.

Rolf Becker ist Schauspieler. Bekannt wurde er u.a. durch Gastauftritte im „Tatort“, in „Der Bulle von Tölz“, „Küstenwache“ und zuletzt bei „In aller Freundschaft“. Er ist Aktivist in ver.di und engagiert sich für die Interessen der internationalen Arbeiter- und Volksbewegung.


 

Samstag, 26.11.16
9.00 Uhr
Prof. Dr. Cynthia A. Volkert, Göttingen

Wirtschaft gegen Umwelt: Grundsatzkritik an der Wegwerfproduktion
Die lineare Materialwirtschaft kann auf einem begrenzten Planeten nicht endlos betrieben werden, denn dies führt zu einer Verknappung von Ressourcen und Energie, zur Umweltzerstörung und Klimakatastrophe. Ökosystem und materialwirtschaft interagieren, so dass Lösungen nicht punktuell sein können, sondern umfassende Änderungen erfordern – basierend auf technologischem Können: einer neuen Rolle der Industrie, neuen Aufgaben von Regierungen, neuem gesellschaftlichen Verhalten.

Cynthia A. Volkert, Physikerin, stammt aus den USA. Sie studierte in der Gegend von New York und arbeitete mehrere Jahre in der industriellen Forschung. Seit 15 Jahren lebt und arbeitet sie in Deutschland: am Max-Planck-Institut in Stuttgart, am Forschungszentrum Karlsruhe und seit 2007 als Professorin am Institut für Materialphysik an der Universität Göttingen. Ihre Forschung widmet sich neuen Methoden im Bereich Recycling.

 

11.00 Uhr
Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake, Hannover

Genetische Strahlenfolgen bei Menschen nach Tschernobyl
Gesundheitsschäden bei Nachkommen bestrahlter Eltern an Arbeitsplätzen, durch Umweltkontaminationen oder Röntgendiagnostik werden von der Internationalen Strahlenschutzkommission ICRP, dem normgebenden Gremium für unsere Strahlenschutzgesetzgebung, für vernachlässigbar gehalten. Dies ist nur möglich unter Ausblendung zahlreicher wissenschaftlicher Befunde, denn zu erwarten sind u.a. Schädigungen der Frucht und Totgeburten sowie Fehlbildungen und Krebserkrankungen bei den Kindern, wenn die Keimdrüsen der Eltern vor Konzeption einer Bestrahlung ausgesetzt waren. Insbesondere haben Untersuchungen in den angrenzenden Territorien des Tschernobylunfalls sowie in weiter entfernten Gegenden Westeuropas mit nachweislichen Falloutbelastungen erhöhte Raten an Fehlbildungen und anderen Gesundheitsschäden bei den Kindern der bestrahlten Bevölkerungen gezeigt. Sie bestätigen die in sporadischen Studien im Berufsmilieu und nach Röntgendiagnostik gefundenen genetischen Effekte und die hohe Strahlenempfindlichkeit der menschlichen Geschlechtszellen bei chronischer Bestrahlung. Ein neues Schutzkonzept für nachfolgende Generationen muss gefordert werden.

Inge Schmitz-Feuerhake ist Physikprofessorin im Ruhestand. An der Universität Bremen befasste sie sich mit der Dosimetrie radioaktiver Strahlungen und den gesundheitlichen Auswirkungen von Atomkraftwerken und anderen Nuklearanlagen. Sie ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V., einem wissenschaftlichen Verein, der sich mit Strahlenschutzproblemen in der Umwelt, an Arbeitsplätzen und durch medizinische Anwendungen beschäftigt.

 

14.00 Uhr
Peter Borgwardt, Stuttgart

Über einige Grundlagen und neue Fragen einer dialektisch-schöpferischen Literaturkritik
Wie sind Bücher zu beurteilen? Warum gibt es zu ein und demselben Text die unterschiedlichsten Interpretationen und Deutungen? Mit welcher Denk- und Leseweise kann man sich selbständig orientieren? Das sind einige der Fragen, die der Referent ansprechen und vertiefen möchte. Konkreter Bezug wird genommen auf einen der großen Frauenromane des 19. Jahrhunderts: „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Noch heute oder erst recht heute erscheinen immer wieder neue Auflagen und aktuelle Verfilmungen dieses Klassikers der Weltliteratur.
Die Kenntnis des Romans ist keine Voraussetzung, den Vortrag zu verstehen oder an der Diskussion darüber teilzunehmen. Ziel ist aber, an diesen oder andere bedeutende Werke heranzuführen, unter der Vielzahl aktueller Buch-Herausgaben eine bewusste Auswahl treffen zu können, die „Kunst des Lesens“ besser zu verstehen und sich zugleich mit Grundlagen der Literatur-Kritik vertraut zu machen.

Peter Borgwardt,  63 Jahre, ist Journalist. Veröffentlichungen u.a. zu literarischen Themen, Vorträge, Moderation literaturkritischer Veranstaltungen.

 

16.00 Uhr

Christoph Klug, Recklinghausen
Fortschrittliche Wissenschaft im Visier der Geheimdienste
Im Jahr 1995 veröffentlichten die Biologen Jakob und Lilli Segal und der Wissenschaftsjournalist Christoph Klug die Studie „AIDS ist besiegbar“. Sie lieferten wissenschaftliche Belege dafür, dass HIV/AIDS ein Kunstprodukt aus einem US-Biowaffenlabor sein muss. Fast 20 Jahre später erscheint eine Replik beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Beteiligt sind „Antiterrorexperten“ von Bush und Obama, Mitarbeiter des Pentagon sowie für den CIA, KGB und bundesdeutsche Geheimdienste tätige Personen. Sie diffamieren die Autoren als „Verschwörungstheoretiker“ und zeichnen sie verantwortlich für den Tod unzähliger HIV-infizierter Menschen. Diese gängige Praxis, die zunehmende Kritik am Kapitalismus, am Missbrauch von Wissenschaft und Forschung durch Konzerne und Militärs als eine „Verschwörungstheorie“ zu diffamieren, ist Ausdruck ihrer Feindschaft gegenüber fortschrittlicher Wissenschaft, schöpferischer Kapitalismuskritik und wissenschaftlichem Sozialismus.
Christoph Klug, Wissenschaftsjournalist, Lehrbeauftragter an einer Hochschule und in psychotherapeutischer Praxis und Tumorklinik tätig, ist Sprecherdes Beirats der Offenen Akademie.

 

19.30 Uhr
Prof. Dr. Aziz Kortel, Freiburg

Klavierabend mit Einführung in das Werk
Ludwig van Beethoven Klaviersonate Nr. 8 in op. 13
Die Sonate Nr. 8, die von Beethoven selbst den Beinamen „Pathétique“ erhielt, ist eines der ersten Werke des jungen Komponisten, das – vor allem im 1. Satz – die gesellschaftlichen Konventionen am Ende des 18. Jahrhunderts sprengt und die dramatische Sprache der revolutionären Werke seines späteren Schaffens, namentlich seiner 3. Sinfonie, vorwegnimmt.
Aziz Kortel macht das Publikum mit dem Komponisten und der Sonate vertraut, analysiert sie anhand von Klangbeispielen und Ausschnitten auf Form und Inhalt hin und führt sie anschließend vollständig auf.

Aziz Kortel, Studium im Fach Dirigieren und Klavier; Tätigkeit als Studienleiter und Kapellmeister an den Theatern Kaiserslautern und Freiburg; seit 1985 Professor für Rollen- und Ensemblestudium an der Musikhochschule Freiburg; Konzerttätigkeit als Kammermusiker und Liedbegleiter im In- und Ausland.


 

Sonntag 27.11.16
09.00 Uhr
Johanna Jensen, Kassel

Benachteiligung von Frauen in gewerblich-technischen Berufen
In ihrer Bachelorarbeit zum Thema „Die Benachteiligung von Frauen im dualen Ausbildungssystem am Beispiel von gewerblich-technischen Berufen − Ursachen und Einflussfaktoren geschlechtsspezifischen Berufswahlverhaltens“ analysiert Johanna Jensen das duale Ausbildungssystem bezüglich der Benachteiligung von Frauen. Lediglich 39% der Auszubildenden mit einem betrieblichen Ausbildungsplatz in 2014 waren Frauen; noch gravierender ist ihre Unterrepräsentation in gewerblich-technischen Berufen, vor allem in Industrie und Handwerk. Typische „Frauenberufe“ sind vor allem im sozialen, gesundheitlichen und Dienstleistungsbereich angesiedelt mit wesentlich niedriger Entlohnung als in Industrie und Handel. Diese Schieflage kann nicht allein auf stereotypisches Rollenverhalten, welches durch Sozialisation in Schule und Familie geprägt wird, erklärt werden. Vielmehr ist es nach wie vor die Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf welche erheblich auf das Berufswahlverhalten einwirkt.
Darüber hinaus soll diskutiert werden, wie man trotzdem junge Frauen für gewerblich-technische Berufe begeistern und darin fördern kann und welche positive Rolle Gewerkschaften, Schulen und andere gesellschaftliche Akteure dabei spielen können.

Johanna Jensen ist gelernte Zerspanungsmechanikerin und Studentin an der Universität Kassel. Für ihre Bachelorarbeit erhielt sie 2015 den mit 5.000 € dotierten Hans-Martin Preis des Fachgebiets Arbeits- und Organisationspsychologie am Institut für Arbeitswissenschaft und Prozessmanagement.

 

11:00 Uhr

Birgit Schuttenberg, München, Ulrike Held, Tübingen
Wir wurden Zeugen eines Völkermords

Für die kurdische Bevölkerung in der Türkei ist schon lange Realität, was Erdoğan in der ganzen Türkei durchsetzt: die Errichtung eines faschistischen Staates. Die Vortragenden sprachen mit Müttern, die die Gräber ihrer Kinder vor Bombardierungen schützen, mit Bürgermeisterinnen und Frauenorganisationen in Diyarbakir und Yüksekova. Das türkische Militär zerstört kurdische Städte und die Regierung geht mit Verhaftungen gegen das fortschrittliche System der Ko-Leitungen (in jeder Führungsposition ein Mann und eine Frau) vor. Die Referentinnen berichten vom Zusammenhalt und Widerstand der kurdischen Bevölkerung. Die Zusammenarbeit der Bundesregierung mit dem Erdoğan-Regime wird kritisch untersucht.

Birgit Schuttenberg, Teamassistentin, Ulrike Held, Traumatherapeutin, Aktivistin in der Weltfrauenbewegung. Beide sind Mitglieder im Bundesvorstand des Frauenverbands Courage.

 

14.00 Uhr
Frank Jasenski, Bottrop

Flüchtlingskrise und Terrorismushype: Was wird aus unseren demokratischen Rechten und Freiheiten?

Mit der Schließung der Balkanroute können Flüchtlinge in Europa und insbesondere in Deutschland ihr Recht auf politisches Asyl und Flüchtlingsschutz nicht mehr wahrnehmen. Die Fluchtursachen wurden dadurch jedoch nicht tangiert. Doch mit den Flüchtlingsströmen kommen Menschen nach Europa, die in ihren Ländern für Frieden und Freiheit und gegen Faschismus und Krieg gekämpft haben. Gegen sie werden Mauern und Verbote errichtet, Kämpfer gegen Unrecht und Diktaturen werden verfolgt und bedroht. Die angeblich „terroristische Bedrohung“ durch Flüchtlinge dient dazu, mit immer neuen „Sicherheitsgesetzen“ grundlegende demokratische Rechte und Freiheiten einzuschränken.
Frank Jasenski ist von Beruf Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Strafrecht, Asyl- und Ausländerrecht. Er praktiziert als Anwalt in einer Kanzlei in Gelsenkirchen.

 

16.00 Uhr
Rolf Gösner, Bremen

60 Jahre KPD-Verbot ・ein Anachronismus
Die vergessenen Justizopfer des Kalten Kriegs: verdrängtes Kapitel bundesdeutscher Geschichte
Ein weitgehend verdrängtes Kapitel bundesdeutscher Geschichte harrt noch immer seiner offiziellen Aufarbeitung: die exzessive politische Verfolgung von KommunistInnen in der frühen Bundesrepublik. Dabei spielte das KPD-Verbot eine ganz zentrale Rolle. Das Verbotsurteil von 1956 hatte verhängnisvolle Auswirkungen auf die Entwicklung der Bundesrepublik und zeitigte Fernwirkungen bis in unsere Tage. Rolf Gössner wird über das Ausmaß dieser Verfolgungsgeschichte berichten und über die dramatischen Folgen für die Betroffenen, für die Gesellschaft und die Entwicklung eines demokratischen Rechtsstaats. Damals sind Tausende von Menschen nur wegen ihrer (gewaltfreien) linksoppositionellen Betätigung zu Gefängnisstrafen verurteilt, mit Berufsverboten belegt, unter Polizeiaufsicht gestellt und ihrer staatsbürgerlichen Rechte beraubt worden. Der Referent wird begründen, weshalb das KPD-Urteil aufgehoben gehört und die Justizopfer des Kalten Kriegs schleunigst rehabilitiert und entschädigt werden müssen.

Dr. Rolf Gössner, Rechtsanwalt/Publizist, Vorstandsmitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte. Autor zahlreicher Bücher zu „Innerer Sicherheit“, Bürgerrechten und Demokratie, u.a. „Die vergessenen Justizopfer des Kalten Kriegs. Verdrängung im Westen – Abrechnung mit dem Osten?“ Mithrg. des „Grundrechte-Report. Zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland“; Mit-Autor des Fernsehfilms „Ein Staat sah Rot“ (1994/95; ca. 10 Min.).


Kategorie: 9. Offene Akademie Stuttgart 2016, Aktuelles

Weitere Artikel