Ausbau der Stromnetze – in Wirklichkeit für Stromhandel und Stromexport

Eine Rezension des Buchs „Welchen Netzumbau erfordert die Energiewende?“ von Lorenz Jarass und G.M. Obermair

Prof. Dr. Lorenz Jarass

Prof. Dr. Lorenz Jarass

Das Buch liefert vielfältige und wertvolle Informationen über die notwendige Umstellung der Stromversorgung auf regenerative Energien. Insbesondere über die Windenergie, die Problematik der je nach Wind schwankenden Einspeisung, die sich daraus ergebenden Herausforderungen. Es betont aber, dass die größte Schwankung im Ausfall eines Großkraftwerks bestand  und besteht. Das Buch verschafft ein breites Wissen und ist weitgehend in einer verständlichen Sprache geschrieben. Man merkt, dass sich die Autoren vielfach mit engagierten Bürgerinitiativen auseinandergesetzt haben.


Wir hatten bereits im Dezember 2011 mehrmals Zeitabschnitte, in denen in Ostdeutschland die Einspeisung erneuerbarer Energie größer war als der Verbrauch. Schreiben wir die gegenwärtige Entwicklung bis 2020 fort, wird das zur Mittagszeit sehr oft auftreten. Eine Grundlast, einige Kraftwerke, die durchgehend laufen, wird nicht mehr notwendig. Wenn wir auf Elektroautos umstellen, wäre der zusätzliche Stromverbrauch überschaubar. Eine Flotte von 10 Millionen Elektrofahrzeugen würde etwa 6% des heutigen Stromverbrauchs in Deutschland bedeuten.

Netzumbau

Netzumbau

Der Kernpunkt des Buchs ist die Auseinandersetzung mit dem geplanten Netzausbau, mit dem die Bürger mit Milliarden Kosten belastet werden sollen. Angeblich für erneuerbare Energie? Nach der Lektüre dieses Buchs wird das Argument zur Makulatur. Man könnte sehr viel mehr Strom in bestehenden Hochspannungstrassen führen – bei Einsatz von Leiterseiltemperaturmonitoring + 50% , bei Einsatz von Hochtemperaturleiterseilen um mehr als 50%. Diese Möglichkeiten werden im Netzentwicklungsplan gar nicht ausgelotet. Vielmehr verlangt dieser – gerade mit Blick auf die Ost-West Leitung durch den Thüringer Wald, dass „trotz einer hohen Windenergieeinpeisung (in Ostdeutschland) … auch die thermischen Erzeugungseinheiten mit einer hohen Leistung … einspeisen“. Dies ist wörtlich aus dem Netzentwicklungsplan, Entwurf 2012, zitiert. Hier sind wir beim Kern. Die sächsischen Braunkohlewerke müssen gleichzeitig auf Hochlast fahren. Da stellen sich nun weitergehende Fragen. Warum das, wenn doch der Bedarf durch Wind gedeckt wäre? Man muss wohl den Schluss ziehen, die Gründe sind andere. Es liegt auf der Hand, es ist für den Stromhandel und Stromexport.  Also, „überdimensionierter Netzausbau“ für Stromhandel und Stromexport – die Kosten dafür sind allerdings nicht von denen zu tragen, die daran verdienen werden, sondern „werden dem inländischen Stromverbraucher aufgebürdet“. Denn damit werden „die Exportpreise für elektrische Energie vom deutschen Stromverbraucher quersubventioniert“. Zu ergänzen wäre noch, von den Haushalten. Die industriellen Großverbraucher werden damit nicht belastet.

Der Netzausbau, angeblich für erneuerbare Energien, stellt sich nun als Netzausbau für das „freizügige künftige Marktgeschehen“ (Zitat aus dem Netzentwicklungsplan, Entwurf 2012) heraus. Was zurzeit gebetsmühlenartig in den Medien wiederholt wird, wird in diesem Buch als Unwahrheit entlarvt.

Immer wieder werden die technischen Mängel dieser Pläne angesprochen. So ist auch die verlustarme moderne Technik der Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) vorgesehen. Die Autoren kritisieren, dass diese ist völlig unterdimensioniert ist. Denn sie könnte den Ausbau konventioneller Leitungen überflüssig machen. Damit haben die Autoren Recht. Ich würde aber noch weitergehen. Die großen Vorteile der HGÜ liegen in der verlustarmen Energieübertragung über große Strecken. Sie müsste als HGÜ-„Supergrid“ für Europa und die angrenzenden Staaten verwirklicht werden. Für die jeweilige Form der regenerativen Energie können dann die ertragreichsten Standorte gewählt werden. Eine günstige nachhaltige Stromversorgung kann erreicht werden.

Ich hätte mir noch gewünscht, dass die bisherigen Investitionen in die Netze untersucht werden. So haben die Versorger die Investitionen in ihre Netze im Zeitraum 1995 bis 2004 halbiert und gleichzeitig mit Milliardengewinnen geprahlt. Jetzt sollen die privaten Stromkunden zur Kasse gebeten werden.

Notwendig wäre ein Sofortprogramm mit dem Inhalt der Abschaltung aller Atomkraftwerke und  Übergang auf 100% erneuerbare Energien in kurzer Zeit. Dies wie die Bundesregierung auf das Jahr 2050 zu verschieben hält sämtliche Hintertürchen für fossile und Atomenergie offen und kommt für die Verhinderung einer globalen Klimakatastrophe zu spät. Hier würde ich entschlossener argumentieren. Insgesamt ist das Buch aber für alle Streiter für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, wozu eine wirkliche Energiewende unabdingbar gehört, eine wichtige Hilfe.

Prof. Dr. Josef Lutz, TU Chemnitz

Bildquelle: www.westpool.de, www.jarass.com


Kategorie: 4. Offene Akademie Gelsenkirchen 2007, 6. Offene Akademie Gelsenkirchen, Aktuelles

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