AIDS und die Geheimdienste

Am 21. Juni 2012 stand ein Artikel zu HIV/AIDS in Spiegel online, in dem unser Sprecher Christoph Klug, der auf unserer Offenen Akademie schon Vorlesungen zum Thema AIDS bestritten hat, erwähnt wurde. Seine Entgegnung finden Sie im Folgenden:

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Sehr geehrte Redaktion von Spiegel-Online!

In dem Artikel von Johanna Lutteroth möchten Sie die These, dass HIV nicht aus Afrika stammt, sondern im Auftrag des Pentagon hergestellt worden ist, in das Reich der KGB-Propaganda und Verschwörungstheoretiker verbannen. Als „Beweis“ lassen sie in Ihrem Artikel ausführlich Vertreter des KGB und der STASI zu Wort kommen. Da ich in Ihrem Artikel persönlich erwähnt bin und zu den langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeitern des Berliner Biologen Jakob Segal zähle, werden Sie mir ein paar Worte zu Ihrem Artikel „AIDS-Verschwörung“ gestatten.1

Ihr Beitrag macht deutlich, wie die „AIDS-aus-Afrika-Theorie“ auf wissenschaftlich extrem schwachen Beinen steht. Natürlich wird die Ausarbeitung von Jakob Segal über den künstlichen Ursprung von HIV-I als eine missglückte Biowaffe von nahezu allen Geheimdiensten heftig bekämpft, aber dadurch wird sie doch nicht widerlegt! Ihr Spiegel-Online-Artikel vom 21. Juni 2012 1 vermeidet ja geradezu jegliche Auseinandersetzung mit unserer wissenschaftlichen Arbeit von 1995 zum Thema.2

Werfen Sie einen Blick auf die in unserer Arbeit von uns verwendeten Quellen, so sehen Sie, dass für die Ausarbeitung zum künstlichen Ursprung des HIV über 5000 Forschungsarbeiten aus ausschließlich anerkannten Fachzeitschriften verarbeitet worden sind. Und das soll jetzt laut Ihrem Artikel ein Werk des KGB oder der STASI sein? Das ist schlicht lächerlich. Sie überschätzen die intellektuellen Fähigkeiten der Geheimdienste gewaltig.

Als AIDS erstmals auftrat, waren führende Kreise von US-Wissenschaftlern um Robert Gallo seltsam aufgeregt. Die epidemiologischen Fakten wiesen eindeutig auf den US-amerikanischen Ursprung der HIV/AIDS-Erkrankungen rund um New York hin. Die Gruppe wollte damals zunächst eine Homosexuellenkrankheit daraus machen und hierzu den Ursprung mit aller Macht nach Haiti verlegen. Aber das war unhaltbar, und so wählten sie  – wieder in eklatantem Widerspruch zu wissenschaftlichen Daten – als HIV-Quelle Zentralafrika. Aber wie sollte das vermittelt werden? Denn es gab weltweit zahlreiche Wissenschaftler, die gegen die AIDS-aus-Afrika-Legende ihre Stimme erhoben – auf der Pariser AIDS-Konferenz von 1986 gab es allein sechs Beiträge dazu. Und dann legte die WHO eine epidemiologische Statistik über die AIDS-Epidemiologie vor, in der sie die USA als den Ursprungsort der HIV-Seuche ausgewiesen hat.3 Diesem WHO-Bericht zufolge gelangte das HIV erst 1983 nach Afrika, also zwei Jahre nach dem erstmaligen Auftreten in den USA – u.a. über Touristen.
Diese US-Wissenschaftsgruppe um Robert Gallo brauchte immerhin 20 Jahre, um erstmals HIV-infizierte Schimpansen als angebliche Kronzeugen des afrikanischen Ursprungs zu präsentieren. Allerdings stammten diese nicht aus freier Wildbahn, sondern aus US-Forschungslabors.

Es sind geradezu abstrus-abenteuerliche Beweise, die der Öffentlichkeit seit 25 Jahren immer wieder präsentiert werden. Gestützt auf eine einzige (!) positive afrikanische Serumprobe von 1956 – und diese war noch unbekannter Herkunft (!) – wird inzwischen „streng mathematisch“ nachgewiesen, dass HIV schon Jahrzehnte – oder auch Jahrhunderte – in Afrika endemisch vorhanden gewesen sein soll. Dieser Legende zufolge soll das HIV dann immer wieder ausgebrochen und ganze Dörfer komplett ohne Überlebende ausgerottet haben – so dass aus diesem Grund die Nachwelt davon keine Kenntnis hat.

Erstaunlich, dass derartiges auch auf deutschen AIDS-Kongressen verbreitet wurde und auch heute noch in pseudowissenschaftlichen Artikeln und in den Medien Verbreitung findet. Wir haben die Afrikatheorie im Namen zahlreicher Wissenschaftler und AIDS-Aktivisten als unhaltbar kritisiert. Auch afrikanische Wissenschaftler – wie die Friedensnobelpreisträgerin und habilitierte Veterinärmedizinerin Wangari Mattai – haben dem widersprochen. Langjährig in Afrika tätige Ärzte aus der Zeit des britischen oder französischen Kolonialismus haben in den 1960er oder 1970er Jahren niemals auch nur einen einzigen AIDS-Fall zu Gesicht bekommen.

Geradezu peinlich ist es, wie in Ihrem Artikel dann noch die Rolle der Biowaffenforschung in Fort Detrick verharmlost wird. Es soll dort wirklich seit 50 Jahren nur noch über Krankheiten geforscht worden sein?! Zumindest auf die nachweislich von dort stammenden Milzbrandsporen, die nach dem 11. September 2001 in Umlauf kamen, hätten Sie bereits bei einer simplen Medien-Recherche stoßen können. Und wer will, kann in unserer Arbeit im Faksimile nachlesen, wann und bei wem das Pentagon die Produktion eines die Immunabwehr zerstörenden Virus in Auftrag gegeben hat und wie dies vom US-Verteidigungsministerium finanziert worden ist!4

Die Forschung und Herstellung biologischer Massenvernichtungswaffen kann man weder damals noch heute in das Reich von  Verschwörungstheorien verweisen. Sie ist leider keine Fiktion und keine Verschwörung, sondern auch heute noch eine die Menschheit bedrohende Realität.

Erlauben Sie mir eine Anmerkung zur Rolle der Geheimdienste. Selbstverständlich versuchten KGB und auch die STASI in der Zeit des kalten Kriegs das Thema zum eigenen Vorteil auszuschlachten – solange bis sich Gorbatschow im November 1985 in Genf auf einen Deal mit dem US-Präsidenten einließ. Von da an erhielt J. Segal in der UDSSR und der DDR Publikationsverbot. Seltsamerweise taucht in Ihrer Recherche der CIA gar nicht auf, der doch von Anfang an äußerst aktiv in diese Sache involviert war. Unbegreiflich ist mir jedenfalls, wie Sie überhaupt Geheimdienste wie den KGB- und die STASI zu Kronzeugen in der Ursprungsfrage des HIV machen können.

Als Mitautor des Buchs von J. Segal möchte ich Sie auffordern, in dieser Debatte nicht mehr länger die fragwürdigen und inkompetenten Geheimdienstagenten zu Wort kommen zu lassen, sondern sich mit unseren wissenschaftlichen Fakten und Argumenten zu befassen.

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Klug

Fussnoten:
1) Johanna Lutteroth, AIDS-Verschwörung, Das Propaganda-Virus des KGB, siehe: http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/25017/das_propaganda_virus_des_kgb.html
2) J. Segal, L. Segal, C. Klug, AIDS can be conquered – The artificial origin, an early therapy and how it was boycotted, Verlag Neuer Weg, Essen 2001; siehe auch C. Klug, AIDS in Afrika, Essen 2001
3) WHO-Statistik, in: World Health Organization – Global Programme on AIDS (WHO-GPA), The Current Global Situation of the HIV/AIDS-Pandemic, Januar 1994; in: C. Klug, Aids in Afrika, Essen 2011, S. 9
4) J. Segal, L. Segal, C. Klug, AIDS can be conquered – The artificial origin, an early therapy and how it was boycotted, S. 263 ff..Verlag Neuer Weg, Essen 2001; oder C. Klug, AIDS in Afrika, S.23, ff. Essen 2001

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Stimmen aus dem Fachbeirat dazu:

„Die Antwort ist fundiert und wissenschaftlich, im Gegensatz zu Spiegel-online, wo man sich auf Geheimdienstinformationen beruft.“

„Ich war in Baltimore um die Zeit als Fort Detrick da dran war. Und ich habe immer wieder auch in den USA davon gelesen, was Du zusammengefasst hast. Erstaunlich – fürwahr. Was treibt die Autoren denn an, die sich des Themas jetzt annehmen?“

„Der Spiegel Artikel ist wahrlich eine unsachliche Unverschämtheit – ich habe Christoph schon für seine besonnene Replik gelobt…“

„Für die Argumentation von Christoph und den Segals sprechen bereits meine wenigen Kenntnisse über Menschenversuche in den USA für militärische Zwecke im Kalten Krieg (Stichwort: Cold War Human Guinea Pigs) . Zum andern wird im besagten Spiegel-Artikel schon wieder der widerwärtige Jargon benutzt, der aus einschlägigen antikommunistischen Propaganda-Pamphleten noch sattsam bekannt ist.“


Kategorie: Aktuelles, Artikel

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