Verantwortung aus Erkenntnis und Gewissen

Prof. Dr. Jürgen Schneider

Prof. Dr. Jürgen Schneider

Prof. Dr. Jürgen Schneider hielt bereits auf der Offenen Akademie 2008 den Beitrag „Verantwortung der Wissenschaft für die Gesellschaft“, siehe unseren Tagungsband 2008. Der folgende Vortrag wurde gehalten auf der Tagung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) am 24. 10. 2009) und publiziert in BARTOSCH, U., LIFTIN, G., BRAUN, R. & NEUNECK, G. (Hrsgb,.2011): Verantwortung von Wissenschaft und Forschung in einer globalisierten Welt, Forschen-Erkennen-Handeln, Weltinnenpolitische Colloquien Bd. 4, Lit-Verlag Dr. W. Hopf Berlin, 287-303. Die Veröffentlichung auf unserer Webseite erfolgt mit Dank an den Herausgebers für seine Zustimmung. Jürgen Schneider ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Offenen Akademie.

Verantwortung aus Erkenntnis und Gewissen

von Jürgen Schneider

Heute sind es nicht mehr die Cholera oder Pestbazillen,
die uns bedrohen, sondern das traditionelle Denken der
Politiker und das Ausweichen der Physiker und anderer
Wissenschaftler vor der Verantwortung

(Max BORN 1969)

Es gibt noch immer, und neuerdings sogar vermehrt eine große Zurückhaltung unter WissenschaftlerInnen, sich öffentlich kritisch oder warnend vor möglichen negativen Folgen von Wissenschaft und Technik zu Wort zu melden. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben positive, aber auch oft negative Folgen. Der Erfinder etwa eines neuen wirkungsvollen Antibiotikums  wird die Verantwortung für die positiven Folgen seiner Arbeit sicher nicht ablehnen. Er wird z. B. einen Nobelpreis gerne entgegen nehmen. Ich finde das ganz in Ordnung. Der Erforscher einer neuen Steuerung für Atomraketen, eines Giftgases oder eines die Umwelt  belastenden chemischen Stoffes aber, wird in den meisten Fällen sagen: „Ich habe doch nur die Grundlagenforschung gemacht. Die Verantwortung für die möglichen Folgen der Anwendung, z. B. in der Waffentechnik oder in Bezug auf Umweltbelastung ist doch nicht meine Sache“. Ich halte eine solche Einstellung für unaufrichtig. Bert Brecht (1963) lässt seinen Galilei in dessen lesenswerter großen Schlussrede bekanntlich sagen: „Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschen anzuwenden“…. „Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können“. Die Zeit der Ausbildung solcher erfindungsreicher und willfähriger Zwerge, die sich nicht für die Folgen ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse für die Gesellschaft verantwortlich fühlen, sollte endgültig vorbei sein.

Gibt es eine Verantwortung oder aber gar eine besondere Verantwortung der Wissenschaft bzw. der WissenschaftlerInnen für die Gesellschaft und die Gesamtheit der Geobiosphäre? Das oft gehörte Dogma von der „Wertfreiheit“ der Wissenschaft halte ich für ein Wegducken vor der Verantwortung. Der Senatsausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat schon vor mehreren Jahren von der „Unabweisbarkeit der Übernahme öffentlicher Verantwortung durch die Wissenschaftler selbst“ gesprochen. Und der damalige Bundespräsident Walter Scheel hat in einer Rede vor dem Weltkongress für Philosophie in Düsseldorf am 21. 9. 1977 gesagt: „Wir haben erkannt, dass Wissenschaft und Technik auch ungeheure Gefahren bergen, die man nicht länger als unangenehme Nebenwirkungen verharmlosen darf. Wissenschaft und Technik müssen von der Vorstellung Abschied nehmen, das, was sie machen, sei in sich wertvoll, und für die Folgen hätten andere Vorkehrungen zu treffen. Die Menschen sind nicht dazu da, um Opfer des abstrakten Wahrheitsdrangs der Wissenschaftler zu sein. Kann man wirklich eine ganze gesellschaftliche Gruppe von der Verantwortung für die Folgen ihres Tuns freisprechen? Die bisherigen Rechtfertigungen der Wissenschaft reichen nicht mehr aus“.

Die Universität hat als eine Aufgabe, auf künftige Berufe in der Wirtschaft hin auszubilden, sie hat aber auch die Aufgabe, qualifizierte junge Menschen für die Forschung auszubilden. Darüber hinaus hat die Universität, ebenso aber bereits die Schule, auch die Aufgabe, durch breite Bildung ethisches und moralisches Orientierungsvermögen in einer sich in immer rascherem Tempo verändernden zivilisatorischen und einer leider zunehmend militarisierten Welt zu vermitteln. Zu einer umfassenden Ausbildung gehört es auch, die Auswirkungen wissenschaftlicher Ergebnisse auf die Gesellschaft, die Menschheit und die gesamte Geobiosphäre kritisch zu bedenken und Bedenken in Bezug auf Gefahren auch öffentlich zu machen.  Die Lehrenden haben neben der Vermittlung von Fachwissen in der komplizierter gewordenen globalisierten und technisierten Welt zunehmend die Aufgabe, jungen Menschen auch Orientierung sowie gesellschaftliches und politisches Problembewusstsein zu vermitteln. Dazu gehört auch die Fähigkeit Probleme zu erkennen und zu strukturieren, um sie mit wissenschaftlichen Methoden anzugehen. Dazu müssen Engagement und Motivation der Auszubildenden gestärkt und die Studierenden auch zu verantwortlichem Handeln ermutigt und angeleitet werden. Dies verlangt Aufmerksamkeit, Lebendigkeit, Flexibilität und Einfühlungsvermögen von Seiten der Lehrenden und der Lernenden. Eine höhere Bereitschaft, mehr Verantwortung zu übernehmen, muss eine Selbstverständlichkeit sein. Dazu muss die von dem Physiker Hans-Peter Dürr anschaulich so genannte T-Intelligenz entwickelt und gelehrt werden, wobei der vertikale Strich des T die feste Verwurzelung im eigenen Fachgebiet und der horizontale Strich des T das übergeordnete Problembewusstsein für Stellung und Aufgaben des Faches im gesellschaftlichen und globalen Rahmen bedeutet. Der wissenschaftlich arbeitende Mensch trägt auch Verantwortung für die Zukunft.

Oft ist von der strukturellen Verantwortungslosigkeit der Wissenschaft bzw. der WissenschaftlerInnen die Rede. Ist es wünschenswert, und wenn ja, von wem erwünscht, oder auch nicht erwünscht, dass junge Menschen sich in der Ausbildung an den Hochschulen mit der Frage nach der Verantwortung für die Auswirkungen ihrer wissenschaftlichen Arbeit auseinandersetzen? Dies war  noch im Hochschulrahmengesetz von 1999 (HRG außer Kraft seit 1.10.2008) als Ziel der Ausbildung ausdrücklich formuliert. Im Niedersächsischen Hochschulgesetz (NHG) von 2007 z.B. erscheint aber in verräterischer Weise die gesellschaftliche Verantwortungsfrage nicht mehr. Wenn die gesellschaftliche Verantwortung mit zum Auftrag der Universität gehört, so heißt das natürlich nicht, dass nur noch so genannte gesellschaftsrelevante Forschung und Lehre betrieben werden soll und die solide fachspezifische Ausbildung dabei auf der Strecke bleibt.

Wissenschaft, besonders die Naturwissenschaft, soll nach heute vielfach erklärtem politischen Willen vorrangig Ergebnisse schaffen, die, wo immer möglich, ökonomisch verwertet werden können. So postulieren das heute leider immer mehr Leute, insbesondere aus der Wirtschaft, aber auch aus der Politik und sogar der Wissenschaft selbst. Sollen Erkenntnis und Wissen nur noch etwas wert sein, wenn sie auch ökonomisch umgesetzt werden können, wie es ein Industriemanager in einem Diskussions-Beitrag in Göttingen formulierte? Soll das Ziel der Wissenschaft also nur noch die Markt-Orientierung sein? Was machen wir dann mit so „wert-losen“ Wissenschaften wie z. B. Philosophie, Musik, Kunst, Literatur? Sollen wir die als ökonomisch nutzlos abschaffen? Oder was ist z. B. mit der Wissenschaft der Ökologie? Manche Leute betrachten sie als für eher hinderlich, weil die Ökologen, wie es häufig von gewissen Kreisen der Wirtschaft und der Politik beklagt wird, dem technischen und ökonomischen Fortschritt im Wege stehen mit ihren vorausschauenden Mahnungen und Warnungen vor möglichen oder erkennbaren Gefahren für die Umwelt, für das ökologische Gleichgewicht und für das Überleben? Natur-Wissenschaft, und besonders die ökologisch arbeitende Naturwissenschaft schafft durch ihre Untersuchungen und Analysen eben nicht nur Kenntnisse über die Evolution der Erde und des Lebens, über die komplexen Wechselwirkungen in der Natur und unsere vollständige Eingebundenheit in das delikate Ökosystem der Geobiosphäre, sondern sie schafft auch Wissen über die zunehmende Bedrohtheit der Lebensgrundlagen. Im sog. Brundtland-Bericht (HAUFF 1987), dem ja wissenschaftliche Ergebnisse zugrunde lagen, heißt es: „Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Mensch nicht in der Lage, das globale Ökosystem radikal zu stören. Nun, am Ende dieses Jahrhunderts steht dies in unserer Hand“. Der vormalige Executive Director des UNEP, Klaus Töpfer, formulierte im Dez. 1999 in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau unmissverständlich: „Die Lage ist überaus kritisch. Die fast zwanghafte alleinige Konzentration auf die Entwicklung der Aktienkurse führt zu einem völlig verkürzten Wohlstandsbegriff. Ökologische und soziale Kosten werden auf die Entwicklungsländer und spätere Generationen abgewälzt, sie tauchen in den Bilanzen einfach nicht auf. Aber es gibt sie. An der Lösung dieser Frage hängt nicht nur die Umweltlage auf dem Globus, sondern auch der Weltfrieden“.

Solche Einschätzungen und Warnungen, wie sie besonders in den letzten Jahren weltweit z.B. von Seiten der Klimaforscher kommen, sind nur möglich auf der Basis sorgfältiger wissenschaftlicher Untersuchungen. Die begründeten Warnungen kommen von WissenschaftlerInnen, die sich für die bedenklichen Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts verantwortlich fühlen. Es ist dabei mehr als ärgerlich, wenn solche Warnungen durch Menschen aus der Wirtschaft aber auch aus der Politik und sogar aus Kreisen der Wissenschaft selbst als Panikmache abgehalftert werden oder als Ausrede herangezogen werden für den Aufschub von Maßnahmen bis „absolute“ Gewissheit über die Gefahren besteht. Dagegen schrieb z. B. Hans-Joachim Schellnhuber (1999) unter dem Titel: „Der gefährliche Weg unserer Zivilisation im großen Klima-Spiel“: „Die heutige Prognosesicherheit ist zu groß, um das Unterlassen von klimapolitischen Maßnahmen weiterhin als verantwortungsbewusstes Warten auf entscheidende Erkenntnisse kaschieren zu können“. Warnungen vor möglichen Gefahren müssen frühzeitig erfolgen, und sie müssen ernst genommen werden, auch wenn sie noch nicht in allen Einzelheiten beweisbar sind. Der Philosoph Hans JONAS (1984) sagte: „Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen“.

Ein Beispiel für verantwortliches Handeln sind z. B. die in den 70er Jahren zunächst auch von Fachkollegen heftig kritisierten öffentlichen Warnungen des Ökosystemforschers und Forstbodenkundlers Bernhard Ulrich vor dem voranschreitenden Waldsterben. Aber ohne den daraus resultierenden öffentlichen Druck gäbe es womöglich immer noch keine Großfeuerungsanlagen-Verordnung und keine Katalysatoren und die Säuren und Schadstoffe wären in weit höherem Maße in unsere Wälder geregnet als heute mit allen bedrohlichen Folgen (MATSCHULLAT et al. 1994, SCHNEIDER 2006) vor denen wir heute stehen. Bernhard Ulrich´s wissenschaftlich fundierte Warnungen waren das Ergebnis Jahrzehnte langer sorgfältiger Forschungsarbeiten. Seine Warnungen waren ein beispielhafter Akt der Wahrnehmung öffentlicher gesellschaftspolitischer Verantwortung.

Ein weiterer mir wichtiger Punkt sind die Warnungen vieler Wissenschaftler aus nahezu allen Fachgebieten vor den Folgen des nun gerade wieder beschleunigten Wettrüstens. Deutschland hat inzwischen wieder einen unrühmlichen dritten Platz bei den weltweiten Rüstungsexporten erreicht. Dabei nehmen neben vielen anderen Waffensystemen die sog. Kleinwaffen (Pistolen, Gewehre, Handgranaten, Minen) einen besonderen Platz ein. Jede Minute stirbt durch diese Waffen ein Mensch, während gleichzeitig 15 neue Waffen hergestellt werden. Der ehemalige Generalsekretär der UN, Kofi Annan, sagte dazu: „Die Verbreitung von Kleinwaffen ist nicht nur ein Sicherheits- sondern auch ein Menschenrechts- und Entwicklungsproblem. Die Verbreitung von Kleinwaffen trägt zur Fortsetzung und Verschärfung von bewaffneten Konflikten bei. Sie unterminiert die Achtung des Völkerrechtes. Sie bedroht demokratisch gewählte Regierungen und stärkt Terroristen ebenso wie organisierte Kriminalität“. Gerade Deutschland, das zwei Weltkriege zu verantworten hat, sollte eine besondere Verantwortung für Frieden und Abrüstung an den Tag legen.

969 Millionen Menschen leben z. Zt. mit weniger als 1 Dollar pro Tag. 1,464 Billionen Dollar wurden 2008 für die Rüstung ausgegeben, das sind >4 Milliarden Dollar pro Tag. Das wären >4 Dollar pro Kopf der 932 Millionen Hungernden unter der Weltbevölkerung. Die Gründe für den Hunger sind bekannt (ZIEGLER 2005). Mit wachsender militärischer Macht aber sollen die Freiheit und die Menschenrechte “verteidigt” werden. Es geht aber nicht unwesentlich um die Demonstration von Stärke und Macht und die Sicherung des Ressourcenflusses zur Gewährleistung unseres ökonomischen Wachstums. Es ist eine zunehmende Militarisierung des Denkens und der Politik zu beobachten. Die Rüstungsausgaben steigen massiv, weil man uns u. a. glauben machen will, dass man den Terrorismus in der Welt durch militärische Gewalt überwinden und Demokratie durch Gewalt importieren könne. Wesentliche Gründe für den Terrorismus, die der Wissenschaft lange bekannt sind, werden viel zu wenig beachtet. Jahrzehnte der kolonialistischen Ausbeutung und Missachtung fremder Kulturen und Religionen erzeugten eben auch Hass (ZIEGLER 2008). Zu den Gründen gehört auch, dass die Diskrepanz zwischen Reich und Arm weltweit immer größer wird. Weltweit waren 1999 nach Angaben des Armutsberichtes des UNDP, der Int. Labour Organisation und des renommierten Stockholmer Friedensforschungs-Institutes SIPRI >1 Milliarde Menschen ohne Arbeit, das ist ca. ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung. Die Kluft zwischen Reichtum und Armut klafft immer tiefer und wird damit auch immer bedrohlicher für den Frieden.

Täglich sterben >20.000 Kinder an Hunger, ein ethisch und moralisch unerträglicher Zustand s. ZIEGLER 2005, 2008). Und täglich sterben bis zu 160 Tier- und Pflanzenarten aus, d. h. sie verschwinden unwiederbringlich von unserem Globus (WILSON, 2002), ein unersetzlicher Verlust an biologischer Vielfalt und an genetischen Ressourcen.

Besorgte und kritische NaturwissenschaftlerInnen sind, wie viele andere Warner auch, keine Pessimisten, Untergangspropheten oder gar linke Chaoten. Sie sind nicht verantwortungsscheu. Angesichts der bedrohlichen Situation der real existierenden nicht-militärischen und neuerdings verstärkten militärischen Existenzbedrohung der Menschheit sind wir besorgt um die Zukunft des Lebens und der Kulturen. Wir fragen uns voller Sorge, welche Welt wir der Generation der Kinder und Enkel hinterlassen, die leider, wie Ernst-Ulrich von Weizsäcker schreibt (v. WEIZSÄCKER, E. U., et al. 1995, S. 334) „nicht mit an den Verhandlungstischen über ökologische Zukunftsstrategien sitzen, ebenso wenig wie die der menschlichen Sprache nicht mächtigen Tier- und Pflanzenarten“.

Oft wird argumentiert, die WissenschaftlerInnen hätten doch nicht die Verantwortung für die Folgen ihres Tuns zu übernehmen, insbesondere, wenn sich daraus bedrohliche technische Entwicklungen wie z. B. die Atombombe ergeben. Selbstverständlich ist z. B. der Chemiker Otto Hahn wegen der Entdeckung der Kernspaltung nicht für die Massaker in Hiroshima und Nagasaki verantwortlich zu machen, aber er hat sich beispielhaft moralisch mitverantwortlich gefühlt für die Folgen seiner Entdeckung und hat sich daher zusammen mit anderen Atomforschern – darunter Carl-Friedrich von Weizsäcker und die Nobelpreisträger Max Born, Max von Laue und Werner Heisenberg – den „Göttinger Achtzehn“ – am 12. April 1957 aus Kenntnis um die katastrophalen Folgen eines Atomkrieges öffentlich und damit auch politisch erfolgreich gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr gewandt. In der „Göttinger Erklärung“ der Atomforscher heißt es auch: „Wir wissen, wie schwer es ist, aus diesen Tatsachen (nämlich der Kenntnis über die Gefahren eines Atomkrieges) die politischen Konsequenzen zu ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen. Unsere Tätigkeit…..belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Folgen schweigen“. Der Erfolg der Göttinger 18 war auch unterstützt durch die Warnungen des Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer und der damals sehr aktiven Friedensbewegung. Der Physiker Josef Rotblat, einer der am Manhattan-Projekt Beteiligten, hat sich sehr früh aus dem Projekt zurückgezogen. Er hatte Ende 1944 die Information, dass die Nazis keine Atombombe hätten und lehnte daher den Einsatz der Atombombe konsequent ab. Er hat wegen seiner langjährigen internationalen Bemühungen um atomare Abrüstung und Verständigungspolitik im Rahmen der Pugwash-Konferenzen 1995 (reichlich spät aber zu Recht) den Friedensnobelpreis verliehen bekommen. Noch ein Beispiel: Im November 1957 hatte der Nobelpreisträger Linus Pauling einen Appell mit dem Aufruf zum weltweiten Stopp der Atomwaffentests u. a. an Otto Hahn geschickt. Der Appell wurde von 9.000 Wissenschaftlern aus 40 Nationen unterzeichnet und im Januar 1958 den Vereinten Nationen überreicht. Dies war der Anstoß zum Teststopp-Abkommen, das alle Atomtests im Weltraum, in der Atmosphäre, auf der Erde und unter Wasser verbot. Die unterirdischen Tests gingen aber leider weiter. Die neuen Militärstrategien der NATO sehen einen atomaren Erstschlag sogar gegen Nicht-Atomwaffen-Staaten vor. Eine solche Doktrin des geplanten Einsatzes ist nicht nur brandgefährlich, sie verstärkt außerdem den Willen von nicht Atomwaffen besitzenden Staaten, wie z. B. Iran, über eigene Atomwaffen zu verfügen. Auf einem Fachgespräch in Göttingen, veranstaltet von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Naturwissenschaftler-Initiative, anlässlich des 50. Jahrestages des ersten Atombombenversuchs, wurde unter Leitung des ehemaligen DPG-Präsidenten Werner Buckel in einem Abschluss-Papier zur Frage der Janusköpfigkeit der Atomenergie konstatiert: Wer über zivile Atomenergie verfügt, hat grundsätzlich auch die Möglichkeit Atombomben zu bauen.

Die Welt ist leider nicht sicherer geworden und es sind zahlreiche weitere globale Bedrohungen  dazu gekommen. Hoffnungsvoller stimmten die von Präsident Obama u. a. in seiner Prager Rede dargelegten Schritte zur atomaren Abrüstung. (Leider ist diese Hoffnung aber durch die neue atomare Aufrüstung der USA enttäuscht worden.) Und auch auf diesem Feld ist die Wissenschaft gefordert, ihren Beitrag zu leisten.

Dies alles sind Fragen und Gedanken, die auch in der Lehre eine Rolle spielen sollten. Viele sog. Bildungspolitiker und viele Hochschullehrer, aber auch Studierende plädieren heute  immer lauter für eine stärker berufs- und praxis-orientierte Universität. Soll die Universitas zur reinen Berufsschule umgestaltet werden? Es sieht zunehmend so aus. Sind breite Bildung und kritische Weitsicht dann keine Werte an sich mehr? Soll das Wecken und Fördern von Kreativität und Phantasie ersetzt werden durch reinen technokratisch und ökonomisch orientierten Praxis-Bezug? Ist die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, gegenüber den ärmeren Dreivierteln der Menschheit und den kommenden Generationen und gegenüber der Natur bereits dann erfüllt, wenn der freie Markt zufrieden ist? Im Zeitalter der ökonomischen Globalisierung sehen dies offenbar immer öfter viele Menschen aus Wirtschaft und Politik so, eine fatale und gefährliche Fehleinschätzung.

Wir Menschen haben als eine humanspezifische Besonderheit durch die Evolution die Fähigkeit zur vorausschauenden Folgenabschätzung und zur – wenn auch begrenzten – Zukunftserkenntnis. Dadurch bekommt unser Lehren und Forschen eine besondere, eine ethische und moralische Dimension. Auch wenn die Zukunft ein „unbetretener Pfad“ ist, wie es Hans-Peter Dürr (1992) formulierte, und damit die Zukunftserkenntnis begrenzt ist, so darf dies nicht als Ausrede dienen, abzuwarten, bis letzte, niemals erreichbare Gewissheit über gefährliche zukünftige Folgen unseres Handelns besteht.

Die heutigen Probleme sind auf vielfältige und komplexe Weise miteinander vernetzt. Bei der Frage des Klimawandels z. B. muss nach einer 2006 erschienenen Studie der Welternährungsorganisation FAO  (zitiert von Rifkin 2008) beachtet werden, dass heute etwa ein Drittel der weltweiten Getreideernte an Vieh verfüttert wird. Dieses Vieh ist zu 18% für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich. 65% der Lachgas (N2O)-Emissionen stammen aus der Viehzucht. Lachgas ist als Treibhausgas 300 mal stärker als CO2. Vieh erzeugt darüber hinaus 37% der weltweiten Methan (CH4)-Emissionen. Methan ist als Treibhausgas 23 mal stärker als CO2. Das bedeutet, dass Viehzucht und Massentierhaltung der zweit wichtigste Grund für den Klimawandel sind.  Dies berührt eindringlich die Frage der Verantwortung für die Folgen unseres Lebens- und Ernährungs-Stils, insbesondere in den reichen Nationen.

Was sagt dies nun in Bezug auf die Fragen nach den Anforderungen an die Wissenschaft bzw. nach den Anforderungen in Forschung und Lehre an eine Hochschule der Zukunft in Verantwortung für die Gesellschaft und die Geobiosphäre? Kann, um nur ein Beispiel zu nennen, das  durch menschliche Aktivitäten verursachte dramatische Artensterben, etwa durch mehr Gentechnik und den „Bau“ neuer Organismen aus dem Labor kompensiert werden? Die Allmachtsphantasien bzw. Heilsversprechen vieler WissenschaftlerInnen, die Natur und ihre Komplexität vollständig entschlüsseln zu können und damit die Erde mit Hilfe immer neuer Techniken in immer rasenderem Tempo gänzlich zu unserem Nutzen untertan zu machen, muss einer neuen Bescheidenheit weichen. Zweifel an den unbegrenzten Möglichkeiten der Wissenschaft und der Technik in Bezug auf die “Machbarkeit der Zukunft” sind höchst angebracht.

Als Geowissenschaftler möchte ich daran erinnern, dass unsere Erde eine 4,5 Milliarden Jahre lange geologische Vergangenheit und Geschichte hat (SCHNEIDER 1991, 2007). Die seit mehr als. 3,7 Milliarden Jahren ablaufende Evolution des Lebens war immer ein Prozess des Lernens und sich Anpassens an die natürlichen Umweltbedingungen und Stoffkreisläufe. Erst der „Homo sapiens sapiens“ brach aus diesem natürlichen Gleichgewicht aus. Er errichtete seine „Ordnung“ zunehmend auf dem Raubbau an den natürlichen Ressourcen. Der moderne Mensch als die von Hans-Peter Dürr so genannte „Schrumpfgestalt“ des „Homo oeconomicus technicus“ begann mit dem Raubbau an der Natur, indem er ihr die für seine Zivilisation benötigten Ressourcen mit immer raffinierteren Methoden schneller entriss, als es den natürlichen Stoff-Flussraten entspricht. Unsere Erde ist aber materiell ein geschlossenes System und ihre Ressourcen sind damit grundsätzlich endlich. Nur energetisch ist sie ein offenes System wegen der stetig hinein fließenden Negentropie der Sonnenenergie, welche die Evolution und Höherentwicklung von Leben in den letzten 3,8 Mrd. Jahren überhaupt erst ermöglichte. Wir sind nicht schlau genug um das System Geobiosphäre zu “managen”. Dennoch erheben wir den überheblichen Anspruch, wir hätten das komplexe und vernetzte System der Geobiosphäre verstanden und könnten es mit Hilfe von „Geo-Management“ daher auch managen. Welche Anmaßung! Wir können auch nicht auf andere Planeten als Rohstoffquelle oder gar als Lebensraum ausweichen, wie es sich manche als Ziel der bemannten und so sündhaft teuren Weltraumfahrt neuerdings wieder erträumen.

Die Frage der Verantwortung stellt sich also als eine moralische Frage. Schließlich sollten, wie es der engagierte Journalist Klaus Bednarz für seinen Berufsstand einmal formulierte, auch WissenschaftlerInnen „keine moralischen Eunuchen“ sein. Ich bin der Meinung, dass Verantwortung aus Erkenntnis und Gewissen erwachsen muss, also aus dem Wissen über mögliche Gefahren und aus dem Gefühl moralischer Verantwortung heraus. Wenn gefragt wird, vor wem wir uns als WissenschaftlerInnen denn zu verantworten hätten, so ist dies ganz einfach zu beantworten: Unsere Kinder und deren Generation sind die Instanz, vor der wir uns zu verantworten haben. Hierzu hat der junge Autor Jörg TREMMEL (1996) in seinem Buch ein flammendes Plädoyer für das Recht der Jugend auf Zukunft geschrieben. Wir müssen unter diesen genannten Aspekten und im Hinblick auf die Verantwortung für die folgenden Generationen und für die gesamte Geobiosphäre die Forschung und auch die Lehre an den Schulen und Hochschulen betrachten und betreiben.

Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, als Lehrende und Lernende haben wir Verantwortung für den Ablauf der Zukunft, weil wir Wissen und damit auch Macht über die Natur haben und weil wir aktiv beteiligt waren und sind an dem Zustandekommen der heutigen Situation. Wissenschaft und Technik haben mit ihren Erfolgen und Errungenschaften einen nicht unerheblichen Anteil an der bedrohlichen Entwicklung und damit auch unmittelbare Verantwortung für die Folgen ihres Tuns. Es geht um moralisch-ethische, nicht um juristische Verantwortung.  Ethik muss heute die globalen Bedingungen der Existenz nicht nur der Menschheit sondern der gesamten Geobiosphäre betrachten und berücksichtigen. Damit darf Ethik nicht mehr allein eine Domäne der Philosophie oder der Religion sein. Die Naturwissenschaften und die Technik müssen in enger Zusammenarbeit mit der Philosophie, den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und den anderen Wissenschaften  aufklärend in der Gesellschaft und in die Politik wirken. Die unselige Zersplitterung der Disziplinen, die nicht mehr miteinander reden – auch eine Folge des wissenschaftlichen „Fortschritts“ – und die bereits in den Schulen beginnt, muss überwunden werden.

Wie kann unter diesen Voraussetzungen die Verantwortung in der Lehre vermittelt und auch in den Forschungsgegenständen behandelt werden? Dies berührt die Frage nach dem Bewusstseinsstand, der Aufgeschlossenheit und dem persönlichen Engagement der Lehrenden und der Lernenden. Carl-Friedrich von Weizsäcker hat einmal das Postulat aufgestellt, dass fünf Minuten jeder Vorlesungsstunde der Frage der Verantwortung gewidmet sein sollten. Eine hochgesteckte, aber berechtigte und wichtige Forderung, die wohl kaum in allen Hörsälen verwirklicht sein dürfte. Die Erfüllung dieser Forderung wäre ein Maß für die ethische Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Lehre und Forschung.  Da wir als HochschullehrerInnen von der Gesellschaft bezahlt werden, und weil Schüler und Studierende die Schulen und Universitäten von der Gesellschaft bezahlt bekommen, haben wir auch eine Bringepflicht und eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und im Dialog mit ihr, indem wir öffentlich Rechenschaft darüber ablegen, was wir tun, im Hinblick auf welche Ziele wir das tun und welche positiven oder negativen Folgen aus unseren Ergebnissen erwachsen können. Zu der Bringepflicht gehört auch die für die Öffentlichkeit allgemein verständliche Vermittlung der Forschungsergebnisse, aber ebenso auch öffentliche Warnungen vor problematischen Entwicklungen oder gar gefährlichen Wegen und Folgen von Wissenschaft und Technik. Auf die globale Zukunfts-Situation und die Lehre bezogen bedeutet das, dass sich Verantwortung an den Überlebensinteressen der Menschheit und unserer gesamten belebten und unbelebten Mit- und Umwelt, von der wir vollständig abhängig sind, orientieren muss. Die globalen und die gesellschaftlichen Fragen und Probleme müssen zusätzlich zum Fachwissen in die Lehre mit einbezogen werden. Dazu gehört neben der fachlichen Ausbildung auch, und das nicht nur etwa im Fach Psychologie, die Erziehung zu Empathie und Friedfertigkeit im Umgang miteinander und mit der natürlichen und kulturellen Umwelt und Mitwelt, zu Toleranz, zu Kooperations- und zu Kompromiss-Fähigkeit. Die viel beschworene „Freiheit der Wissenschaft“ darf nicht dazu führen, dass man sich um die Probleme der Gesellschaft und der Ökosphäre nicht weiter kümmert und nur „wertfreie“ Forschung im Elfenbeinturm betreibt.

Wir können nicht immer weiter auf ökonomisches Wachstum setzen im Irrglauben, dass die Ressourcen unserer Erde groß genug seien für dauerndes Wachstum oder dass der Mangel durch menschlichen Erfindungsgeist ewig ausgeglichen werden könne. Der britische Ökonom und ehemalige Wirtschaftsmanager E. F. SCHUMACHER (1974) schrieb bereits, es erfordere nur einen einfachen Akt der Einsicht, um zu erkennen, dass unendliches Wachstum materiellen Konsums in einer endlichen Welt eine Unmöglichkeit ist. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Ethik- und Moral-Philosoph Kenneth E. Boulding (1910-1993) sagte es drastischer: „Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum für immer weitergehen kann in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom“.

Es geht in unserem Jahrhundert um nichts weniger als das Überleben unserer Geobiophäre. Der Physiker Peter Kafka hat in seinem Buch “Das Grundgesetz vom Aufstieg” 1989 geschrieben: “Unser Standpunkt ist allerdings unsere Erde. Wir wissen nicht einmal, ob auf irgendeinem Planeten in der Nähe eines der hundert Milliarden Sterne unserer Milchstraße oder in einer der Milliarden anderer Galaxien die Evolution vergleichbar hohe oder gar höhere Komplexität hervorgebracht hat oder hervorbringen wird. Es geht uns auch gar nichts an. Wir müssen uns jetzt um unsere eigenen Möglichkeiten kümmern”. Aber, so schreibt Kafka weiter: “Man wird uns weiterhin weismachen, wir müssten untergehen, wenn wir uns nicht am Wettlauf um die Ausbeutung der Welt beteiligen und dabei wenigstens in der Spitzengruppe bleiben”.

Wenn wir in unserer Wachstums-Ideologie so weitermachen mit der Ausbeutung der Natur wie heute, dann sind die wichtigsten fossilen Energieträger noch in diesem Jahrhundert verbraucht und viele andere metallische und nichtmetallische Rohstoffe ebenfalls. Was das für die wachstums- besessenen Gesellschaften und gar für die Entwicklungsländer, die Mehrheit der Menschen, bedeutet, kann man sich leicht ausmalen. Mehr Verbrauchswachstum von Ressourcen bedeutet mehr Abfall, Abwasser und Abgas. Dies ist die  unausweichliche Folge des Entropie-Gesetzes, das durch keine noch so raffinierte ökonomische Theorie außer Kraft gesetzt werden kann, auch wenn das noch immer manche Wirtschaftstheoretiker und Politiker zu glauben scheinen. Die Thermodynamik lässt eben nicht mit sich handeln. Kurt Biedenkopf, einer der wenigen Politiker, welche um die Bedeutung des Entropie-Gesetzes wissen,  hat dem Spiegel  (Nr. 31, 2009) ein bemerkenswertes Interview gegeben. Darin sagt er: „Die Industrieländer folgen einem verfehlten Wachstumsbegriff. Das Wachstum ist zum Fetisch geworden mit allen irrationalen Konsequenzen, die wir heute als Ausbeutung der Umwelt…und Belastung der kommenden Generationen erleben.  Das 21. Jahrhundert muss ein Jahrhundert der Bescheidenheit werden“.

Die bisherigen alten ökonomischen Theorien und Konzepte für die Zukunftsbewältigung, die aus der Politik, aber auch aus der Wissenschaft und der Technik kamen und kommen, reichen nicht mehr aus.

Es muss in der Diskussion um die Verantwortung der Wissenschaft auch die Frage erlaubt sein und gestellt werden dürfen ohne sich dem Verdacht auszusetzen, man wolle die wissenschaftliche Grundlagenforschung diffamieren oder gar unterbinden: Dürfen, sollen, müssen wir wirklich in ständig steigender Eile alles erforschen, was wir können? Oder müssen wir nicht, wie der Physiker Peter Kafka es ausdrückte “in Eile zu mehr Gemächlichkeit”? Sollten wir nicht z. B. bevor wir den unsinnigen Versuch der „Eroberung des Weltraums“ – auch der militärischen – und der Besiedlung des Mondes und des Mars weiter treiben, oder wenn es um die gerade aktuelle Entwicklung der neuen und auch für den zivilen Einsatz geplanten  „nichttödlichen Waffen“ geht, uns als Naturwissenschaftler und Techniker der Mitarbeit verweigern  und andere Prioritäten setzen, die sich vorwiegend an den Erkenntnissen über die Endlichkeit unserer Geobiosphäre, an globaler sozialer Gerechtigkeit, an friedlicher Koexistenz, am Ziel einer umweltverträglichen Entwicklung und an der Zukunftsfähigkeit der Menschheit und des Mit-Lebens auf der Erde orientieren? Dieser Diskurs muss an den Hochschulen, und nicht nur dort geführt werden, um junge Menschen auf dem Weg in gesellschaftlich und ökologisch  verantwortbare und zukunftsfähige Tätigkeiten in Wissenschaft, Beruf und Leben zu begleiten. Hans-Peter Dürr hat die Anforderung einmal so formuliert: „Viele Wissenschaftler sind auch akademische Lehrer. In der Art und Weise, wie sie den Wissensstoff an ihre Studierenden vermitteln, haben sie wesentlichen Einfluss auf die nächste Generation und ihr Denken. Hieraus erwächst  für sie eine besondere Verantwortung“. Carl-Friedrich von Weizsäcker (1986) hat sehr klar und drastisch geschrieben: „Eine Wissenschaft, die sich für ihre Folgen nicht verantwortlich weiß, und eine Technik, die nicht bewusst fehlerfreundlich geplant ist, sind moralisch und politisch unreif“. Grundlagenforschung und Wissenschaft – auch ohne direkte ökonomische Verwertungsinteressen – müssen selbstverständlich erhalten bleiben. Aber Erkenntniswissen und nicht vorrangig Bemächtigungs- bzw. Verwertungswissen ist gefragt. Erkenntnis ist  ja schließlich auch ein Kulturgut, ja ein Weltkulturerbe.

Relevanz und Effektivität von Wissenschaft und Forschung dürfen allerdings nicht vorrangig an der reinen Höhe der aufgewendeten Mittel oder der Anzahl der Publikationen bzw. am citation index gemessen werden, wie dies heute leider zunehmend (und kaum Widerspruch findend) durch die zunehmende „Evaluitis“ an den Universitäten geschieht. Auch das Engagement für gesellschaftlich-humane Ziele und die Motivation der Forschenden, der Lehrenden und der Lernenden für diese Ziele müssen als Leistung und als Wert anerkannt werden. Wecken von Kreativität, Flexibilität und Innovationsfähigkeit in diesem Sinne müssen auch mit dem Abbau von hierarchischen und bürokratischen Strukturen an den Universitäten, den Instituten und Arbeitsgruppen verbunden sein. Ermutigung, Stärkung von Selbstbewusstsein und Motivation der Lernenden durch die Lehrenden für die o. g. Ziele wecken doch erst die nötigen geistigen Ressourcen, die für die Bewältigung der globalen Zukunftsaufgaben nötig sind um verantwortbare Wege für eine nachhaltige Zukunft für uns Menschen und für das Gesamtsystem der Geobiosphäre zu erschließen. Dazu müssen wir Menschen – und dabei ganz besonders in den reichen Nationen – dringend bescheidener werden. Wir sind, ökologisch gesehen, durchaus nicht “die Krone der Schöpfung”. Im Gegenteil, wir sind die abhängigsten Glieder der Biosphäre. Wir sind gnadenlos von unserer Geobiosphäre abhängig. Nur wenn wir dies begreifen und akzeptieren und dies auch in der Lehre und an die Gesellschaft vermitteln, kann daraus eine Chance erwachsen für Zukunftsfähigkeit und Überleben.

Gibt es nun Anlass zur Resignation? Ist es nun 5 min. vor zwölf? Der Schriftsteller und Zukunftsforscher Robert JUNGK (1988), der große Ermutiger sagte: “Resignation ist ein Luxus, den wir uns angesichts der Lage nicht leisten dürfen”  Und der Schriftsteller Francis Picabia formulierte: “Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann”.

Wie wäre es, wenn wir als NaturwissenschaftlerInnen und IngenieurInnen wenigstens künftig als einen ersten wichtigen Schritt so etwas wie den „hippokratischen“ Eid der Mediziner leisten würden? Das International Network of Engineers and Scientists (INES) hat 1995 einen Vorschlag gemacht, in dem es u. a. heißt: „Ich erkenne an, dass ich als Wissenschaftler oder Ingenieur eine spezielle Verantwortung für die Menschheit habe. Ich übernehme die Verpflichtung, Leben insgesamt zu erhalten. Ich verpflichte mich daher, über meine wissenschaftliche Arbeit und ihre möglichen Folgen vorausschauend nachzudenken und sie nach ethischen Standards zu beurteilen. Ich will dies auch tun, obwohl es nicht möglich ist, alle möglichen Konsequenzen voraus zu sehen“. Dies wäre eine ethische Verpflichtung für Forschung und Lehre, der wir uns dann auch stellen müssten.

Hans-Peter Dürr hat als Titel seines letzten Buches die bedeutsame Frage gestellt: „Warum es ums Ganze geht – Neues Denken für eine Welt im Umbruch“. Ein neues Denken muss die globalen Probleme des Überlebens unserer Geobiosphäre im Auge haben. Wir dürfen die Zukunftsplanung nicht ausschließlich den ökonomischen, politischen und wissenschaftlich-technischen Eliten überlassen, die für die Fehlentwicklungen verantwortlich waren und sind. Wir müssen auch von unserem anmaßenden Anspruch Abschied nehmen, wir könnten unsere komplexe und verletzliche Geobiosphäre einfach „managen“ (modernes Stichwort „Geomanagement“). Es muss aus der wissenschaftlich begründeten Erkenntnis über die Bedrohung der Lebensgrundlagen, die sich in den ersten Jahrzehnten unseres noch jungen Jahrhunderts sichtbar und unleugbar zuspitzt, in gemeinsamer Anstrengung eine neue Herausforderung und Anforderung an die Wissenschaft und an die Lehre, aber auch an die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik erwachsen. An der öffentlichen Aufklärung über die möglichen Folgen unseres Tuns in Bezug auf die Überlebensprobleme unserer Mit- und Umwelt sollten wir uns als WissenschaftlerInnen in Anerkennung unserer Verantwortung ernsthaft, intensiv und aktiv beteiligen.

Literaturauswahl

BORN, H. & BORN, M. (1969): Der Luxus des Gewissens – Erlebnisse und Einsichten im Atomzeitalter. Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München, 100 S.
BRECHT, B. (1963): Leben des Galilei.- Edition Suhrkamp, 127 S.
BUCKEL, W. (1996): Wissenschaft und Verantwortung.- in: Lernziel Zukunftsfähigkeit, Sonderheft Dez. 1996, Interdisziplinärer Gesprächskreis Dortmund,  „Wissenschaft und Verantwortung“, Pädagogische Arbeitsstelle (pad)-Dortmund/Witten,  6-16.
DÜRR, H.-P. (1994): Die Zukunft ist ein unbetretener Pfad – Bedeutung und Gestaltung eines ökologischen  Lebensstils.- Herder-Verlag, Spektrum, 172 S.
DÜRR, H. P. (11992): Verantwortung für die Natur.- M. Haller (Hrsgb.), pendo-verlag Zürich, 158 S.
DÜRR, H.-P. (2009): Warum es ums Ganze geht – Neues Denken für eine Welt im Umbruch.- oekom-Verlag, 207 S.
HAUFF, V. (Hrsgb.1987): Unsere gemeinsame Zukunft – Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung.- Eggenkamp-Verlag, Greven, 412 S.
JONAS,, H. (1984): Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technische Zivilisation.- Suhrkamp, 426 S.
JUNGK, R. (1988): Projekt Ermutigung – Streitschrift wider die Resignation.- Rotbuch-Verlag, Berlin, 124 S.
.MATSCHULLAT, J.,HEINRICHS, H., SCHNEIDER, J. & ULRICH, B. (1994):
Gefahr für Ökosysteme und Wasserqualität – Ergebnisse interdisziplinärer Forschung im
Harz.- 478 S., Springer-Verlag, Heidelberg.
KAFKA, P. (1989): Das Grundgesetz vom Aufstieg – Vielfalt, Gemächlichkeit, Selbstorganisation: Wege zum  wirklichen Fortschritt – Hanser-Verlag, 168 S.
RIFKIN, J. (2008): Der Wahnsinn mit den Rindern – Die Viehzucht ist der zweitwichtigste Grund für den Klimawandel und die Ursache dafür, dass die Armen hungern.- Süddeutsche Zeitung v.5. 8. 2008, Nr. 181, S. 2, „Aussenansicht“.
SCHELLNHUBER, H.-J. (1999): Amerikanisches Roulette – Die Welt im globalen Treibhaus – Im großen Klimaspiel befindet sich unsere Zivilisation auf einem gefährlichen Weg: Sie könnte ein Kapitalverbrechen an unseren Lebensmöglichkeiten begehen.- Süddeutsche Zeitung, 144, Feuilleton-Beilage SZ am Wochenende, 26./27. Juni 1999.
SCHNEIDER, J. (1989): Verantwortung aus Wissen und Gewissen.- in: Beisiegel, U., Rilling, R. Hrsg.: Weiter abrüsten! Friedliche Wege in die Zukunft – Protokolle zum Tübinger Kongress der Naturwissenschaftler-Initiative Verantwortung für den Frieden, Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden, 12, Nov. 1989, 282-288.
SCHNEIDER, J. (1991): Die Verantwortung der Geowissenschaften für den Lebensraum Erde.- Die Geowissenschaften, 9, 261-265.
SCHNEIDER, J. (2006): Waldsterben – Eine vergessene Katastrophe? Bedrohung der Ökosphäre und des Trinkwassers.- in: Dokumentation 3. Offene Universität 2006, KLUG, C., KRUSEWITZ, K. & LUTZ, J. (Hrsgb):, People to People GmbH, Waiblingen, 114-117.
SCHNEIDER, J. (2007): Wieviel Wachstum verträgt die Erde? In: Dolumentation 4. Offene Akademie 2007 (vormals „Offene Universität“), KLUG, C., KRUSEWITZ, K. & LUTZ, J. (Hrsgb.), People to People, GmbH, Waiblingen, 28-34.
SCHUMACHER, E. F. (1974): Es geht auch anders – Jenseits des Wachstums – Technik und
Wirtschaft nach Menschenmaß,- Desch-Verlag, München, 236 S.
TREMMEL, J. (1996): Der Generationsbetrug – Plädoyer für das Recht der Jugend auf Zukunft in Deutschland.- Eichborn-Verlag, Frankf./Main, 174
WEIZSÄCKER, C. F. (1986): Die Zeit drängt – Eine Weltversammlung der Christen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.- Hanser-Verlag, 236 S.
WEIZSÄCKER, E. U., LOVINS, A. B. & LOVINS, L. H. (1995): Faktor Vier –Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch, Der neue Bericht an den Club of Rome, Droemer Knaur-Verlag, München, 352 S.
WILSON, E. O. (2002): Die Zukunft des Lebens.- Siedler-Verlag, Berlin, 255 S.
ZIEGLER, J. (2005): Das Imperium der Schande – Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung,- C. Bertelsmann, 316 S.
ZIEGLER, J. (2008): Der Hass auf den Westen – Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.- C. Bertelsmann, 288 S.


Kategorie: Aktuelles

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